"WEIL ER NICHT TÖTEN WOLLTE" -
Denkmal für Deserteure und Verweigerer in Bernau
Im September 1998 fiel eine Gruppe Jugendlicher aus Bernau und Umgebung
positiv auf. Als Initiativkreis arbeiteten sie über zwei Jahre inhaltlich
und praktisch für die Errichtung des Deserteurdenkmals in Bernau.
Das Bildungsministerium in Potsdam zeichnete sie dafür mit einem 1.
Preis als „Jugendprojekt des Monats“ aus.
Das Denkmal steht in der Mühlenstraße an der Stadtmauer.
Es wurde von dem bekannten Biesenthaler Bildhauer Friedrich Schötschel
geschaffen. Er selbst war Soldat der Wehrmacht, kein Deserteur. Die Stadtverordneten
von Bernau stimmten im Januar 1997 mit über ¾ der möglichen
Stimmen für die Errichtung dieses Denkmals.
Auf einem Bronzerelief zeigt es einen gefesselten Menschen mit verbundenen
Augen vor einer Wand mit Einschüssen. Eingeritzt steht auf der Wand:
„Weil er nicht töten wollte“. Auf der davor im Boden eingelassenen
Tafel heißt es:
„Gewidmet allen Deserteuren und Verweigerern,
deren Heimat die Mutter Erde ist,
die im Feind den Menschenbruder erkennen,
die statt auf Generäle auf den Befehl ihres Gewissens hören,
die nicht an Ideologien, sondern am Leben hängen,
deren Angst kleiner als ihre Liebe ist.“ Bernau 15. Mai 1998
Zur Enthüllung des Denkmals am 15.05.1998, dem Internationalen
Tag der Kriegsdienstverweigerer, waren mehrere Deserteure der Wehrmacht,
darunter die Naturschutzexperten Kurt und Erna Kretschmann aus Bad Freienwalde,
Deserteure und Verweigerer aus der Türkei und aus Ex-Jugoslawien dabei.
Der Schriftsteller Reimar Gilsenbach aus Brodowin bei Eberswalde, der sich
der Rekrutierung und dem „Führereid“ nicht entziehen konnte, aber
bei der ersten Gelegenheit desertierte, sagte zur Enthüllung:
„In unserem Bruch des Fahneneids, in unserer Weigerung, dem Kriegsverbrecher
und Völkermörder Hitler zu folgen, ruht die Würde der Nation,
nicht im Marsch der Wehrmacht bis in den Kaukasus, nicht in ihrer Flucht
zurück in die Ruinenwüsten des eigenen Vaterlands.“
Nach der Enthüllung des Denkmals las eine Jugendliche folgende
„Gedanken
zum Frieden“:
Wir trauern um alle, die in Kriegen getötet wurden. Wir erschrecken
über alle, die in Kriegen getötet haben. Wir beklagen, dass wir
immer noch so miteinander leben, dass Kriege nicht ausgeschlossen sind.
Wir schämen uns, dass wir schweigen und untätig bleiben,
wo wir reden und handeln müssten.
Wir wollen, dass unsere Kinder und Enkel und wir selbst nie wieder
„Helden“ sein müssen, die töten und getötet werden in „treuer
Pflichterfüllung für ihr Vaterland“.
Unsere Heimat ist die Erde, unser Heldentum ist unser Zusammenleben
in Gerechtigkeit und Güte, in Mut und Phantasie.
Chronik der Initiative für das Deserteur-Denkmal in Bernau
1996:
Gründung des Initiativkreises im Januar: zwölf Mitglieder
vor allem aus der evangelischen Jugendarbeit und antimilitaristischen Gruppen
aus Bernau und Umgebung, zehn im Alter von 19 bis 23 J., zwei etwa 40 J.,
sechs weiblich, sechs männlich.
Intensive Auseinandersetzung mit der Thematik Desertion und Kriegsdienstverweigerung.
März/April: Textentwürfe für das Denkmal werden
diskutiert, eine angemessene künstlerische Umsetzung gesucht. Dabei
auch Unterstützung durch den Liedermacher Gerhard Schöne.
Mai: Entscheidung für den Denkmal-Entwurf des Bildhauers
Friedrich Schötschel.
Juli/August: Für die Idee werden Unterstützer/innen
gesucht. Etwa 110 Erstunterzeichner/innen aus unterschiedlichen Gesellschaftsbereichen
und Orten des Barnims sprechen sich für das Denkmal und die Widmung
aus.
September: Benefizkonzert mit G. Schöne in der St.-Marien-Kirche.
Start von Diskussionsforen und der Sammlung weiterer Unterschriften für
das Denkmal. Bei Veranstaltungen bis Mai 1997 sind u.a. die Wehrmachtdeserteure
Reimar Gilsenbach (Schriftsteller, Brodowin), Gerhard Zwerenz (MdB), Kurt
Kretschmann (Naturschutzexperte, Bad Freienwalde) zu Gast. Konzerte, Gespräche,
Anträge usw. lösen auch eine Leserbriefdiskussion in den lokalen
Zeitungen aus.
Oktober/November: Der Initiativkreis erarbeitet den Antrag für
die Aufstellung des Denkmals und eine umfangreiche Begründung für
die Bernauer Stadtverordnetenversammlung und stellt sie den einzelnen Fraktionen
der SVV vor. Dabei zeichnet sich eine breite Zustimmung ab.
1997:
30. Januar: Von den 28 Mitgliedern der Bernauer SVV stimmen 22
für die Errichtung des Denkmals an der Stadtmauer in der Mühlenstraße.
Februar: Beginn der Spendensammlung.
Mai/Juni: Ausstellung „Zerstörung und Erlösung“ über
Kriegsdienstverweigerung im Dritten Reich in der St.-Marien-Kirche Bernau.
Sommer/Herbst: Der erste Bauantrag wird vom Denkmalschutz abgelehnt.
Der zweite Antrag erst nach Veränderungen genehmigt.
Oktober: Ignatz Bubis, Vorsitzender des Zentralrates der Juden
in Deutschland, spricht in der Stadthalle zum Thema „Desertion aus jüdischer
Sicht“.
November: Radio-Feature „Besser die Hände gefesselt als
der Wille“ mit Regisseur Klaus Ihlau über den österreichischen
Bauern Franz Jägerstätter, der als Katholik aus Glaubensgründen
den Kriegsdienst in der Wehrmacht verweigerte und dafür 1943 in Brandenburg/H.
hingerichtet wurde. Weiteres Benefizkonzert u.a. mit Bettina Wegener, Michaele
Schön, Kerstin Kozubek.
1998:
Februar bis April: Weitere Benefizkonzerte mit Musiker/innen
der Komischen Oper Berlin, Jazzkonzert für Orgel und Posaune mit Helmut
Zapf und Johannes Bauer. Dazu wurden ebenso wie zu Gesprächsrunden
auch Asylsuchende aus Flüchtlingsheimen der Umgebung eingeladen, darunter
auch Deserteure und Kriegsdienstverweigerer.
Bewerbung des Initiativkreises um die Auszeichnung „Jugendprojekt des
Monats“. Inhaltliche und organisatorische Vorbereitung für die Enthüllung
des Denkmals.
15. Mai: Enthüllung des Denkmals am Internationalen Tag
der Kriegsdienstverweigerer mit Redebeiträgen u.a. von Dr. Ruth Sommerfeld,
Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung Bernau, Reimar Gilsenbach,
Wehrmachtdeserteur, Mustafa Ünalan, erster anerkannter türkischer
Kriegsdienstverweigerer in der Bundesrepublik.
September: „Besinnung zum Frieden“ am Weltfriedenstag. Präsentation
des Projektes und Auszeichnung als „Jugendprojekt des Monats“ in Potsdam.
Beschlussvorlage
des Initiativkreises Deserteur-Denkmal für die Bernauer Stadtverordnetenversammlung:
Die Stadtverordnetenversammlung beschließt die Errichtung eines
Deserteurdenkmals in Bernau.
Das Denkmal wird nach dem vom Bildhauer Friedrich Schötschel vorgelegten
und vom Initiativkreis Deserteur-Denkmal befürworteten Entwurf gestaltet.
Auf einer Tafel davor soll die Widmung stehen: (... s.o. im Kasten).
Das Deserteur-Denkmal wird in der Mühlenstraße errichtet,
vom Markt aus gesehen auf der rechten Seite an der Stadtmauer.
Dieser Beschluss steht unter dem Vorbehalt, dass die Kosten für
die Errichtung vom Initiativkreis Deserteur-Denkmal getragen werden.
Begründung:
- Am Ende des 20. Jahrhunderts, in dem von Deutschland ausgehende verbrecherische
Kriege Tod und Leid über unzählige Völker und Familien brachten,
kann nicht mehr ungebrochen von „Helden, Tapferkeit, treuem Gehorsam, Gott
war mit uns“ usw. geredet werden. So aber lesen wir und unsere Kinder es
auf den überkommenen Kriegerdenkmalen.
Wir wollen daneben etwas setzen, das unsere spätere Bewertung
verbrecherischer Kriege und des auch möglichen „Widerstand der kleinen
Leute“ anschaulich macht. Heute ist es möglich, den Zusammenhang von
Verweigerung in Gewaltsystemen und Erinnerungswürdigkeit zu erkennen.
- Die Denkmale einer Stadt prägen das Selbstverständnis ihrer
Bürgerinnen und Bürger. Wen ehren wir – über 50 J. nach
der Befreiung Europas von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft?
Nach sechs Jahren Krieg kapitulierte damals das „Dritte Reich“. Noch im
Untergang betrieb es die Vernichtung der Juden, die Zerstörung der
Städte der Gegner, die Ermordung von Oppositionellen, Verhandlungswilligen
und Deserteuren in den eigenen Reihen. Über 50 Millionen Menschen
mussten während der zwölf Jahre NS-Diktatur und des von ihr ausgelösten
Weltkrieges ihr Leben lassen. Fast ganz Europa wurde in Schutt und Asche
gelegt. Aber noch gilt für Manche derjenige, der bis zuletzt in den
Ruinen „treu“ blieb, als der gute Soldat – der andere als Feigling und
minderwertig.
Zwischen 1933 und 1945 verurteilte die NS-Militärjustiz 50.000
Menschen wegen Kriegsdienstverweigerung, Fahnenflucht oder Wehrkraftzersetzung
zum Tode, viele andere verschwanden in Bewährungsbataillonen, in KZ-ähnlichen
Straflagern oder wurden vor allem in den letzten Monaten des Krieges standrechtlich
erschossen oder erhängt.
Während der Widerstand, den wenige Offiziere der deutschen Wehrmacht
geleistet haben, schon bald nach dem Krieg eine erstaunliche Würdigung
erfuhr, ist der Widerstand der Deserteure und Verweigerer unberücksichtigt
geblieben und bis heute eher verfemt als gewürdigt worden.
In der Kriegen im ehemaligen Jugoslawien, in der Türkei gegen
die Kurden und in Russland gegen Tschetschenien erreich(t)en Verweigerung
und Desertion quantitativ eine neue Dimension.
Die Gesamtzahl der Deserteure aus Ex-Jugoslawien geht in die Hunderttausende
und übersteigt so das Ausmaß der Desertion in allen an den beiden
Weltkriegen beteiligten Ländern bei weitem. Im Dezember 1993 sprach
der türkische Verteidigungsminister von 250.000 Fahnenflüchtigen,
denen er ein Ultimatum setzte. Bis zum Ende desselben meldeten sich lediglich
60.000 Männer. In Russland wurden 1992 nach Angaben von Verteidigungsminister
Gratschow nur 20 Prozent der Einberufungen befolgt, in Moskau konnten gar
nur zehn Prozent aller Einberufenen in die Kasernen geholt werden. Man
kann von regelrechten Massendesertionen sprechen. (s. Anhang)
Das Europäische Parlament verabschiedete am 28. Oktober 1993 mit
den Stimmen aller Fraktionen eine „Entschließung zu den Deserteuren
aus den Streitkräften des ehemaligen Jugoslawien“. In dieser Willensbekundung
erfahren Verweigerer und Deserteure eine positive Würdigung. Desertion
wird als ein politisches Kampfmittel befürwortet, um die kriegführenden
Staaten zu schwächen. Die Parlamentarische Versammlung des Europarates
bestätigte im Sommer 1994 diese Einschätzung. (s. Anhang)
Der krieg im ehemaligen Jugoslawien zeigte deutlich, warum Männer
sich dem Kriegsdienst entzogen oder desertierten: Sie weigerten sich an
Gräueltaten wie den so genannten „ethnischen Säuberungen“ teilzunehmen,
die von der Internationalen Gemeinschaft verurteilt worden sind, um damit
sicherzustellen, dass sie nicht zu Kriegsverbrechern würden.
- In Bernau und Umgebung leben noch Deserteure des 2. Weltkrieges sowie
Verweigerer und Deserteure aus aktuellen Kriegsgebieten.
- Die Beweggründe von Deserteuren sind sehr verschieden: Verweigerung
(weiterer) Verbrechen, Angst und Verzweiflung, Erkenntnis der Sinnlosigkeit
und der Schuld, Auflehnung gegen den Zwangsapparat, Sorgen um die Familie
usw. Oftmals waren es Frauen, derentwegen oder mit deren Hilfe Soldaten
sich dem Krieg entzogen.
Unabhängig von der Motivation: Desertion und Verweigerung schwächen
die Vorbereitung und Durchführung von Kriegen und Militärdiktaturen.
Sie sind ein Zeichen für weiterhin notwendige Zivilcourage und verantwortliche
Partizipation.
- Ziele:
Das Denkmal soll u.a.:
- das Nachdenken über die barbarische Gewalt in Kriegen und über
Alternativen dazu anregen,
- historische ebenso wie aktuelle und weltweite Bezüge ermöglichen,
- neben kriegerdenkmalen, die den Tod im Krieg eher verherrlichen oder
rechtfertigen und über den Wahnsinn des Krieges und den Widerstand
schweigen, an das Aufbäumen dagegen erinnern,
- jene ehren, die ihrem Gewissen folgend ihr Leben einsetzten, die
als Feiglinge, Volksfeinde, Drückeberger usw. beschimpft wurden, die
selbst heute noch als „Verräter“ getötet werden oder in Gefängnissen
und Todeszellen sitzen, sowie jene, die trotz Drohungen in der Zukunft
diesen mutigen Schritt gehen werden,
- ein Ort sein, an dem differenziert über Krieg und Frieden geredet,
gestritten und geehrt werden kann.
Anhang
Heinrich Böll: Befehlsnotstand?
„Es wird, wenn das Wort Befehl vor Gericht steht, zuwenig von denen geredet,
die Befehle nicht ausgeführt haben: Erschießungsbefehle, Sprengungsbefehle.
Menschen wurden vor dem Tode gerettet, Städte und Brücken bewahrt:
Das Inhumane darf sich auf Befehlsnotstand berufen, das Humane scheint
suspekt zu sein, weil es vom Befehlsnotstand keinen Gebrauch machte.“ (1964)
Beispiele:
Serbien 1992: Wehrpflichtboykott eines Dorfes
Bekanntestes Beispiel des Krieges im ehem. Jugoslawien ist der Wehrpflichtboykott
eines ganzen Dorfes: Im Mai 1992 wehrten sich die etwa 2000 meist ungarischstämmigen
Bewohner des Dorfes Tresnjewac in Nord-Serbien gegen die Einberufung zu
angeblichen Reserveübungen an der bosnischen Front. Nicht einer der
200 Einberufenen folgte dem Gestellungsbefehl. Statt dessen organisierten
die Dorfbewohner ein Friedenscamp, wo die Idee zur Gründung der „Geistigen
Republik Zitzer“ entstand. Mit dieser symbolischen Handlung sollte u.a.
eine Internationalisierung des Problems erreicht werden. Die serbische
Regierung setzte die Verweigerer zwar unter massiven Druck, schreckte aber
vor einer gewaltsamen Zwangsrekrutierung der jungen Männer von Tresnjewac
zurück.
Österreichischer „Kriegsheld“
„Mein Kriegsheld bleibt der fromme katholische Bauer Franz Jägerstätter
aus St. Radegund. Die Gestapo enthauptete ihn, weil er sich beharrlich
weigerte, in einen ungerechten krieg zu ziehen. Nicht einmal von seinem
Bischof ließ er sich umstimmen.“ (Paul Oesterreicher, Leiter des
Friedenszentrums in Coventry/England)
1939: Abschreckung in Oranienburg
Am 15.09.1939 ließ die SS im KZ Sachsenhausen die Zwangsarbeit etwas
früher beenden. Alle Häftlinge hatten auf dem Appellplatz anzutreten,
darunter auch 350 bis 400 Häftlinge mit dem violetten Dreieck – „Bibelforscher“
genannte Zeugen Jehovas und Pazifisten. Einer der angetretenen Häftlinge,
Heinrich Dickmann, überlebte und beschrieb später, wie sein Bruder
August Dickmann (damals 29 J., Zeuge Jehovas) unter dem Galgen vor die
Wahl zwischen Tod oder Leben gestellt wurde: Annahme seines Wehrpasses
mit der damit verbundenen Einberufung oder Galgen. Er entschied sich gegen
den Kriegsdienst und wurde sofort hingerichtet.
Verwirrt und innerlich zerbrochen
Tausende deutsche Wehrmachtsangehörige wurden im Krieg zu Zeugen der
von Einsatzgruppen der Polizei und der SS vor allem an der jüdischen
Bevölkerung verübten Massaker. Für manchen Soldaten führte
dieses Erlebnis zum Bruch mit Wehrmacht und Regime – so für den Deserteur
Stefan Harder, dessen Mutter Polin war. Als 23-jähriger Funker beobachtete
er in Weißrussland die Erschießung von 2000 Juden. In einem
im Mai 1942 in Untersuchungshaft verfassten Lebenslauf berichtete er über
seinen Entschluss zur Desertion: „Mich überfielen wieder mit aller
Macht die Sorge und Angst um meine Mutter, die Erinnerung an das schreckliche
Erlebnis in Weißrussland und die Scham, dass wir, das kulturellste
Volk der Welt und eine so ehrenvolle Armee, wie die deutsche es doch ist,
so entsetzliche Mittel anwenden müssen, um ein politisches Problem
zu lösen. Ganz verwirrt und innerlich gebrochen entschloss ich mich,
vorläufig nicht zur Truppe zurück zu kehren.“
Desertion bei erstbester Gelegenheit!
Ein Beispiel des Bekennens in der frühen Nachkriegszeit, das „Pariser
Tagebuch“ von Justus Franz Wittkop (1948) zeugt von einem unübersehbaren
Rechtsfertigungsdruck, dem Deserteure in der deutschen Gesellschaft auch
nach dem Kriegsende ausgesetzt waren. Wittwop ließ in seinem autobiographischen
Journal überhaupt keinen Zweifel an der moralischen Legitimität
von Desertion aus der Armee eines Unrechtsstaates: „Das Wort kann mich
nicht erschrecken. Seit dem ersten Tage dieses ehrlosen Krieges war ich
bereit, ein Deserteur zu werden; uns seit der Stunde, in der sie mich Soldat
zu sein zwangen, habe ich mit brennender Erregung auf die Gunst eines Augenblicks
gedacht, mich ihrem Zwang zur Missetat zu entziehen. Denn jeder Dienst
im Zeichen des blutbefleckten Banners scheint mir tragisch der Duldung,
der Hehlerschaft, der Mittat nahe zu kommen. Endlich habe ich den lang
ersehnten Schnitt ziehen dürfen, der mich deutlich und ohne Widerruf
von ihrer verhassten Sache trennt; endlich liegt der Abgrund zwischen mir
und ihnen offen zu Tage.“ Der Autor hatte sich vier Monate lang im besetzten
Paris versteckt gehalten, wo er bis zum Einmarsch der Amerikaner unentdeckt
blieb.
Tschetschenien heute
„Deserteur Ibragim Dschangulow ist kein Pazifist. Der geborene Tschetschene
war Leutnant der Russischen Armee und hat die Militärhochschule absolviert.
Als seine Einheit Ende Dezember 1994 an die Grenze seiner Heimat verlegt
wird, soll er einen Flughafen umrüsten: Von hier aus sollen Luftangriffe
auf Grosnyi geflogen werden, auf seine Heimatstadt. Er ist gern Soldat,
aber er will nicht gegen sein eigenes Volk kämpfen. Unterwegs versteckt
er sich in einem Güterwaggon und flieht. Mit dem Pass eines Freundes
und der Hilfe eines bestechlichen Eisenbahners kommt er nach Deutschland.
Sein Wehrpass, den er zerrissen hat, um bei einer Kontrolle nicht sofort
verhaftet und erschossen zu werden, wird ihm später im Asylverfahren
fehlen. Eine kurze Anhörung beim Bundesamt für die Anerkennung
ausländischer Flüchtlinge, und sein Asylgesuch ist als ‚offensichtlich
unbegründet’ abgelehnt. Dschangulow, an militärisch knappe Antworten
gewöhnt, ‚habe nicht durch lebensnahen, detaillierten Vortrag überzeugt.’
Innerhalb einer Woche habe er die Bundesrepublikzu verlassen. Anderfalls
werde er abgeschoben. Das Verwaltungsgericht Hildesheim bestätigt
die Entscheidung, ohne den Flüchtling ein einziges Mal anzuhören.
Selbst wenn der junge Mann tatsächlich desertiert sei, gebe es ‚keinen
substatiierten Anhaltspunkt’ dafür, dass ihn bei seiner Rückkehr
politische Verfolgung erwarte. Dass amnesty international und selbst das
Auswärtige Amt die drohende Todesstrafe bestätigen, beeindruckt
die Richter nicht: ‚Die Bedrohung des Deserteurs im Kriegsfall mit der
Todesstrafe stellt ebenfalls keine politische Verfolgung dar.’ Schließlich
würden auch ‚andere Kapitalverbrechen, wie z.B. Mord’ auf diese Weise
bestraft.“ (Bericht in „Die Zeit“ vom 26.05.96).
Türkei heute
Am 07.10.1996 wurde der türkische Kriegsdienstgegner Murat Ülke
(24 J.) nach einer öffentlichen Verweigerungserklärung verhaftet.
Ihm drohen drei Jahre Haft wegen „Wehrkraftzersetzung“. Bis zu 300.000
Männer seien in der Türkei auf der Flucht vor dem Militärdienst,
sagte der Berliner Abgeordnete Riza Baran. Ihnen drohen hohe Haftstrafen.
Durch den „Krieg“ gegen die Kurden, der bereits 20.000 Menschenleben gefordert
habe, wachse aber in der türkischen Bevölkerung die Akzeptanz
gegenüber Kriegsdienstverweigerern. In einer besonderen Situation
befinden sich türkische Kriegsdienstverweigerer in Deutschland. Da
es in der Türkei kein Verjährungsgesetz gebe, müssten diejenigen,
die sich in Deutschland gegen den Kriegsdienst ausgesprochen haben, auch
bei einer Rückkehr nach 20 oder 30 Jahren immer noch mit einer Verfolgung
rechnen. Dies gelte auch für jene, die über eine deutsch-türkische
Doppelstaatsbürgerschaft verfügen. (aus: „Die Kirche“, 24.11.96)
„Feigheit“ der Deserteure:
Wie die „Feigheit“ dieser Männer beurteilt worden ist, zeigt u.a.
ein Befehl des Kommandierenden Admirals der U-Boote, Generaladmiral V.
Friedeburg, vom 04.01.1945, der verbot, den Wunsch der zum Tode Verurteilten,
ohne Augenbinde zu sterben, zu respektieren. Es müsse alles vermieden
werden, „was den Verurteilten etwa vor sich selbst oder seinen früheren
Kameraden als Märtyrer oder überzeugungstreuen Helden erscheinen
lassen kann.“ Von den Militärgeistlichen, die damals den letzten Weg
der zum Tode verurteilten Deserteure begleitet haben, berichtet keiner
von feigem Verhalten. Viele Deserteure gingen gefasst in den Tod.
Zitat:
Ich glaube nicht, dass allein die führenden Männer, die Regierenden
und Kapitalisten am Krieg schuld sind. Der kleine Mann anscheinend auch;
sonst würden die Völker als solche nicht mitmachen. (Anne Frank)
Andere Beispiele für Deserteure / Verweigerer:
„Es war im Jahre 1945, vierzehn Tage vor Kriegsende. Unsere Pionier-Einheit
lag in der Nähe der Stadt Neisse, nicht weit von uns war das Riesengebirge,
Ziel vieler Deserteure. Ein Soldat aus meiner Einheit, circa
21 Jahre alt, war mit seinen Nerven völlig am Ende. Alle wussten,
dass sich der Krieg dem Ende näherte. Der Junge, für mich noch
ein großes Kind, desertierte, wurde wieder eingefangen und sofort
zum Tode verurteilt.
In meinen Jahren an der Ostfront habe ich viele sterben sehen, aber
diesen Jungen kann ich niemals vergessen. Die ganze Kompanie musste antreten
und zusehen. Sie schleppten den Jungen an den Pfahl und banden ihn fest;
das Erschießungskommando wartete auf den Feuerbefehl des Kompanieführers.
Im Angesicht des Todes rief der Junge immer wieder nach seiner Mutter,
weinte und bettelte um sein Leben. So starb unsere Jugend, angeblich für
Führer und Vaterland.“ (T. Hellmann)
Herr D., geb. 1912, war sog. „Volksdeutscher“ aus einem deutschen
Dorf bei Konin in Polen. Nach einem Urlaub von der Front versteckte er
sich im Sommer 1943 nur mit Wissen seiner Frau in seinem Haus. Dort lebte
er bis zum Ende des Krieges etwa 18 Monate hinter Schränken. Er überlebte
danach nur, weil ihn russische Offiziere gegen deutsche u.a. „Rächer“
ein Jahr lang beschützend inhaftierten. Herr D. siedelte in den Folgejahren
nicht wie die anderen Deutschen des Dorfes nach Deutschland über,
sondern nahm die polnische Staatsangehörigkeit an. Als Deserteur versprach
er sich in der BRD und in der DDR nichts Gutes. Im Oktober 1997 besuchte
ihn ein Mitglied des Bernauer Initiativkreises in seinem Haus, umringt
von Kindern, Enkeln und Urenkeln.
Herr Kurt Kretschmann, anerkannter Naturschutzexperte, Schöpfer
der Naturschutzeule, Nestor des Naturschutzes in der DDR, grub sich als
Deserteur im Februar 1945 in Bad Freienwalde unter seiner Laube ein Erdloch,
wo er 75 Tage bis zum Einmarsch der Roten Armee ausharrte. Seine Frau Erna
konnte ihn anfangs versorgen. Was mit Deserteuren geschah, musste sie in
jenen Tagen bei einer Fahrt mit der Bahn erfahren: Ein Soldat, der als
Deserteur bezichtigt festgenommen wurde, entriss sich den Händen der
Häscher und stürzte sich vor einen Zug, um so der folgenden Erniedrigung
und der sicheren Hinrichtung zuvor zu kommen. Kurt Kretschmann überlebte
durch mehrere Zufälle, die Wunder sind oder doch an Wunder grenzen.
Erna und Kurt Kretschmann lebten lang und angesehen in Bad Freienwalde.
Dr. Hermann Stöhr, geb. 1898, war der einzige
evangelische Kriegsdienstverweigerer in Deutschland, der im Zweiten Weltkrieg
vom Reichskriegsgericht zum Tode verurteilt und am 21. Juni 1940 in Berlin-Plötzensee
hingerichtet wurde. Er verweigerte 1939 den Wehrdienst und den sog. „Führereid“.
Nach dem Ersten Weltkrieg, den Hermann Stöhr als Freiwilliger
mitgemacht hatte, studierte er Staatswissenschaften, engagierte sich in
der ökumenischen Bewegung und war mehrere Jahre lang Sekretär
des Internationalen Versöhnungsbundes.
In immer neuen Eingaben hat Stöhr 1933 die evangelische Kirchenleitung
daran erinnert, dass sie "nicht Filiale der NSDAP, sondern Teil der einen
Kirche" sei, und u.a. dazu aufgefordert, "gegen den unchristlichen Antisemitismus"
tätig zu werden und sich für die sogenannten Schutzhäftlinge
der ersten Konzentrationslager einzusetzen.
Als Hermann Stöhr Anfang 1939 aufgefordert wird, sich als Reserveoffizier
für Wehrübungen zur Verfügung zu stellen, teilt er dem zuständigen
Wehrbezirkskommando in Stettin umgehend mit: "Den Dienst mit der Waffe
muss ich aus Gewissensgründen ablehnen. Mir wie meinem Volk sagt Christus:
'Wer das Schwert nimmt, soll durchs Schwert umkommen.' (Matth. 26,53) So
halte ich die Waffenrüstungen meines Volkes nicht für einen Schutz,
sondern für eine Gefahr. Was meinem Volk gefährlich und verderblich
ist, daran vermag ich mich nicht zu beteiligen."
Der Fahnenflucht angeklagt und für schuldig befunden, verweigerte
Stöhr die militärische Eidesleistung auf den "Führer". Damit
störte dieser Dr. Stöhr den Teufelskreis von Terror, Gehorsam
und Krieg. Das Reichskriegsgericht verhängte also die Todesstrafe
wegen Wehrkraftzersetzung. Das Unrechtsurteil wurde - ebenso legal, wie
es zustande gekommen war - am 21. Juni 1941 vollstreckt.
Artikel: Denkmal für Verweigerer / 100 Gäste zum 100. Geburtstag.
Trotzdem Beschämung.
Berlin. Anläßlich des 100. Geburtstages von Dr. Hermann
Stöhr wurde am Sonntag, 04.01.1998, auf dem nach ihm benannten Platz
zwischen Hauptbahnhof und Kaufhof-Warenhaus ein Gedenkstein enthüllt.
Es ist das erste Denkmal für einen Kriegsdienstverweigerer in Deutschland,
und das im 53. Jahr nach dem Ende des 2. Weltkrieges.
Unter den etwa hundert Gästen der Einweihung fanden sich auch
Barnimer, die der Einladung des Initiativkreises für das Deserteur-Denkmal
in Bernau trotz eisigen Windes gefolgt waren.
Hermann Stöhr, geboren am 4.1.1898 in Stettin, hingerichtet am
21.6.1940 in Berlin, lebte und arbeitete während der 20er und 30er
Jahre in unmittelbarer Nähe des damaligen Ostbahnhofes. Der promovierte
Volkswirt engagierte sich als Christ und Pazifist für sozial gefährdete
Jugendliche und als Sekretär des Internationalen Versöhnungsbundes
für die Völkerverständigung nach dem 1. Weltkrieg. Aufgrund
seiner Erfahrungen in diesem Krieg und seiner Ablehnung der Besetzung Österreichs
und der Tschechoslowakei durch das Deutsche Reich verweigerte er am 2.
März 1939 den Waffendienst und am 22. Aug. den Einberufungsbefehl
in die Wehrmacht. Wenige Tage später, am Tag vor Beginn des 2. Weltkrieges,
wurde er verhaftet und am 10. Oktober wegen Kriegsdienstverweigerung zu
einem Jahr Gefängnis verurteilt. Am 17. Nov. 1939 verweigerte er im
Gefängnis den "Führereid". Dafür wurde er am 16. März
1940 vom Reichskriegsgericht zum Tode verurteilt und drei Monate später
in Berlin-Plötzensee enthauptet.
Das Urteil wurde erst im Dezember 1997 durch die Staatsanwaltschaft
I beim Landgericht Berlin aufgehoben.
Zur feierlichen Enthüllung des Denkmals sprachen u.a. der Friedrichshainer
Kulturstadtrat Hildebrandt, Generalsuperintendent Dr. Wischnath (Cottbus)
und Frau Dr. Streich, die als Kind den Geehrten in ihrer Familie erlebte,
deren Eltern und eine Schwester als Patenkind von Dr. Stöhr an der
von der Gestapo brutal begrenzten und behinderten Beerdigung teilnahmen.
Das Mitglied der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg,
Dr. Rolf Wischnath, betonte, dass Hermann Stöhr, der mit 17 Jahren
als Kriegsfreiwilliger in den 1. Weltkrieg zog, sich bekehrt hat: "Und
das ist selten in Deutschland!" Der aus der Lausitz stammende große
Granit passe vielleicht weniger zu dem sensiblen Herzen von Hermann Stöhr,
dafür um so mehr zu der steinharten Hartherzigkeit, an der er litt
und die ihn letztlich zerstörte. Als beschämend bezeichnete es
Wischnath, dass Stöhrs Rufe gegen das faschistische Unrecht und für
die Solidarität mit den Verfolgten auch in der evangelischen Kirche
nicht gehört oder sogar als gefährliche Spinnerei und anderes
abgetan wurden. Wischnath formulierte als Einsichten u.a.:
- Die Nachfolge Christi schließt die Ablehnung von Kriegsdienst
ein.
- Auch wenn alle mitmachen, kann es geboten sein sich dagegen zu wenden.
- Staatliche und andere Institutionen können kollektiv irren,
das einzelne Gewissen kann recht haben, weshalb es zu achten ist.
Dr. Wischnath endete: Hitler wurde von Göring um Begnadigung Stöhrs
gebeten - vergeblich. Nehmen wir aber an: Er wäre begnadigt und am
Ende des Krieges entlassen worden. Bis heute hätte er keine Entschädigung
bekommen." Darum steht zu Recht hier und zu unser aller Beschämung
dieser große Stein."
Zusätzliche Informationen:
Die Gemeinde Grünes Dreieck an der Heerstraße in Berlin-Charlottenburg
hat ihrem Gemeindezentrum 1985 den Namen "Hermann-Stöhr-Haus" gegeben.
(Tel. 030/308 108 11)
Weitere Informationen zum Leben und Werk Dr. Hermann Stöhrs sowie
zur Denkmalgestaltung bekommen Sie von Jochen Schmidt in der Friedensbibliothek
(Tel. 030/509 96 91). Informationen zur Namensgebung sowie Fotos (eingescannt
auf Diskette) bei Lars Liepe (Tel. 427 96 00).
Die Benennung des Platzes nach dem überzeugten Christen und Pazifisten
geschah auf Initiative der Fraktion Bündnis Friedrichshain und des
Kreisverbandes Bündnis 90/Die Grünen. Im August 1996 wurden die
entsprechenden Anträge in die BVV eingebracht und dort bestätigt.
Maßgeblichen Anteil an der Namensfindung, an der Gestaltung des Denkmals
und der Urteilsaufhebung hat die Friedensbibliothek/Antikriegsmuseum in
der Friedrichshainer Bartholomäuskirche (Eingang Georgenkirchstraße,
Tel. 030/508 12 07).
Dokumentiert:
Reden zur Enthüllung des Deserteurdenkmals am 15. Mai 1998
in Bernau
Dr. Ruth Sommerfeld, Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung:
Wir haben uns hier versammelt, um am internationalen Gedenktag der Kriegsdienstverweigerer
das Denkmal für Deserteure und Verweigerer zu enthüllen.
Initiiert und finanziert wurde die Schaffung eines solchen Mahnmals
durch den "Arbeitskreis Deserteurdenkmal Bernau", beschlossen wurde seine
Errichtung von den Stadtverordneten Ende Januar 1997; gestaltet hat es
der Bildhauer Friedrich Schötschel. Es hat seinen Platz in unmittelbarer
Nachbarschaft für die im 19. Jahrhundert gefallenen Bernauer Bürger;
gegenüber befinden sich Friedhof und Ehrenmal für gefallene Sowjetsoldaten.
Ein Denkmal für Deserteure neben denen für Kriegshelden? Für
Menschen, die noch in den letzten Kriegstagen 1945 ihr Leben im Kampf um
die Befreiung Europas, auch Deutschlands vom Faschismus gaben, die Völkermord,
Holocaust und Verbrechen ein Ende setzten!
Welches Verhältnis haben wir zu Deserteuren und Verweigerern? Sicher
handelt es sich um individuelle Einstellungen, die aber vor allem geprägt
sind durch ein bestimmtes geschichtliches Umfeld, die sich im Sog allgemeiner
Verhaltensmuster, Stimmungen und Ideologien ausbilden. Das Verhältnis
zu Deserteuren wird von Erfahrungen und Erleben unterschiedlicher Generationen
beeinflußt und ist immer wieder Meinungsschwankungen sowie Anpassungen
unterworfen.
In z.T. kontroversen Diskussionen um dieses Denkmal wurde die gesamte
Bandbreite von Motiven zur Desertion erörtert; ihre moralische Wertung,
Desertion und Verweigerung im II. Weltkrieg, nach 1945, heute und in Zukunft.
Man hatte keine schnellen Antworten parat; denn Nachdenken über
Desertion zwingt eigenes Erleben und Einstellungen zu werten, zu beurteilen
bzw. auch zu verurteilen, zwingt
- Gleichgültigkeit, Abstumpfen und Resignation zu durchbrechen
- Menschlichkeit zu bewahren.
Und hier fanden wir auch Konsens: Dieses Denkmal soll vor allem an
die Mutigen erinnern, die sich verbrecherischen Kriegen in der Vergangenheit,
besonders in der deutschen Wehrmacht verweigerten, desertierten, als Verräter,
Feiglinge und Volksfeinde diffamiert wurden und starben.
Als Botschaft und Mahnung aller Kriegstoten des 20. Jahrhunderts möchte
ich Kurt Tucholsky aus seinem Gedicht zitieren, das er 1924 geschrieben
hat:
Gebet nach dem Schlachten
Kopf ab zum Gebet!
Herrgott! Wir alten vermoderten Knochen
sind aus den Kalkgräbern noch einmal hervorgekrochen.
Wir treten zum Beten vor dich und bleiben nicht stumm
und fragen dich Gott:
Warum - ?
...
Herrgott!
Wenn du wirklich der bist,
als den wir dich lernten:
Steig herunter von deinem Himmel dem besternten!
Fahr hernieder oder schick deinen Sohn!
Reiß ab die Fahnen, die Helme, die Ordensdekoration!
Verkünde den Staaten der Erde, wie wir gelitten,
wie uns Hunger, Läuse, Schrapnells und Lügen den Leib zerschnitten!
Feldprediger haben uns in deinem Namen zu Grabe getragen
Erkläre, daß sie gelogen haben! Läßt du dir das
sagen?
Jag uns zurück in unsere Gräber, aber antworte zuvor!
Soweit wir das noch können, knien wir vor dir - aber
- leih uns dein Ohr!
Wenn unser Sterben nicht völlig sinnlos war,
verhüte wie 1914 ein Jahr!
Sag es den Menschen! Treibt sie zur Dersertion!
Wir stehen vor dir: ein Totenbataillon.
Dies blieb uns: zu dir kommen und beten!
Weggetreten.
Mustafa Ünalan:
So, schönen guten Tag allerseits. Also ich werde euch jetzt auf
ein anderes Thema aufmerksam machen. Ich heiße Mustafa Ünalan,
bin türkischer Kriegsdienstverweigerer und seit 4 Jahren Mitarbeiter
der Kampagne gegen Wehrpflicht, Zwangsdienste und Militär. Also ich
selbst kam vor acht Jahren als Student nach Deutschland, um dem Militärdienst
zu entgehen und nicht am Krieg teilnehmen zu müssen. Ich bin seit
dem letzten Jahr der erste türkische Kriegsdienstverweigerer in Deutschland,
der als Asylberechtigter anerkannt wurde. Meine Arbeit in der Kampagne
ist die Beratung von türkisch-deutschen Doppelstaatlern und Betreuung
von Deserteuren und Kriegsdienstverweigerern, die im Asylverfahren stehen
oder Asyl beantragen wollen. Ich möchte mich bei den Organisatoren
der Veranstaltung bedanken, daß ich die Möglichkeit habe, die
Situation türkischen und kurdischer

Kriegsdienstverweigerer sowohl in Deutschland als auch in der Türkei
darstellen zu können. Geehrt werden heute die Deserteure des 2. Weltkrieges.
Die Desertion war eine mutige Handlung gegen den verbrecherischen Krieg.
Es freut mich aber auch sehr, daß die Ehrung ebenfalls Deserteuren
und Kriegsdienstverweigerern gilt, die sich heutigen, aktuellen Kriegen
entziehen, die sich heute weigern an Verbrechen, Morden und Vergewaltigungen
teilzunehmen. In der Türkei ist für jedermann, also für
jeden männlichen Staatsangehörigen Militärdienst Pflicht,
obligatorisch und ohne jede Altersbegrenzung vorgeschrieben. Eine Verweigerung
des Militärdienstes kennt das türkische Militär- und Zivilstrafrecht
nicht, wohl aber die ausdrückliche Möglichkeit, daß eine
Person ohne weiteres für eine Handlung oder das Unterlassen einer
Handlung verurteilt werden kann, die sie aus Gewissens- oder Glaubensgründen
für notwendig erachten.
In der Türkei wird seit 14 Jahren ein nicht erklärter Krieg
geführt. Diesem Krieg entziehen sich einige hunderttausend Männer,
sogar das türkische Verteidigungsministerium hat 1994 bekannt, daß
es 250.000 Deserteure und Fahnenflüchtige gibt. Dieses Ministerium
hatte den Fahnenflüchtigen eine Frist gesetzt, bis zu der sie sich
ohne Strafandrohung hätten melden können. Ein großer Teil
dieser Menschen hatte sich jedoch nicht gemeldet. Heutzutage wird die Zahl
derer, die sich entziehen, auf über 350.000 geschätzt. Obwohl
sie sich nicht öffentlich dazu bekennen, ist ihre Verweigerung eine
bewußte Handlung gegen die Verbrechen des Krieges. Sie können
sich in der Türkei dem Militärdienst entziehen, weil immer noch
eine veraltete Melderegistratur existiert. Sie entziehen sich durch Bestechung
von Behörden oder Beschaffung gefälschter Ausweise. Sie studieren
wie ich, um sich für die Zeit des Studiums zurückstellen zu können.
Vielen ist es aber nur möglich sich auf Dauer dem Militärdienst
durch Flucht ins Ausland zu entziehen.
Aber es gibt auch seit Anfang 1990 eine kleine Gruppe von Kriegsdienstverweigerern
in der Türkei und sie haben sich seit 1992 in der ISKD, also KriegsgegnerInnenverein
"Izmir" organisiert. Nach den ersten Verweigerern folgte der ehemalige
Vorsitzende des Vereins, Osman Murat Ülke, der am 1. September 1995
öffentlich verweigerte. Er ist seit Oktober '96 in den Händen
des Militärs und wurde bis jetzt wegen Befehlsverweigerung, Desertieren
und ähnliche Delikte zu 36 Monaten Haft verurteilt. Osman befindet
sich derzeit im Militärgefängnis, aufgrund seiner konsequenten
Weigerung Befehlen zu folgen, Uniformen zu tragen und Soldat zu sein. Da
Osman der erste erklärte Kriegsdienstverweigerer ist, der zwangsweise
zum Militär gebracht wurde, gibt es hier keinerlei Erfahrungswerte,
aber es ist zumindest denkbar, daß Osman sein Leben wegen einer einmal
getroffenen Gewissensentscheidung zwischen Kasernen und Militärgefängnissen
verbringt. Also vorn an der Straße gibt es eine Sammlung von Unterschriften
für Osman und jemand hatte mich gefragt, ob das was nützt. Vielleicht
werden die Osman gleich nicht freilassen, aber bis jetzt konnten wir durch
diese Aktion seine Unversehrtheit irgendwie schaffen und das nützt
etwas.
In Deutschland verweigerte
(?) als erster türkischer Kriegsdienstverweigerer 1990 öffentlich.
Danach wurde die Initiative türkischer Kriegsdienstverweigerer in
Aachen gegründet. Jetzt existieren in verschiedenen Städten Gruppen
von türkisch-kurdischen Antimilitaristen. Mittlerweile gibt es über
100 in Deutschland lebende türkische und kurdische Kriegsdienstverweigerer,
die ihre Kriegsdienstverweigerung öffentlich erklärt haben. Mehr
als 70 % davon stehen im Asylverfahren. Die Verfolgung von Kriegsdienstverweigerern
stellt in der BRD grundsätzlich keinen Asylgrund dar. Dies basiert
auf der Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichtes, des höchsten
Verwaltungsgerichtes der BRD. Es entschied am 31. März 1981 so. Jedenfalls
schließt das Asylrecht, der Art. 16, Abs. 2, Satz 2 GG das Grundrecht
auf Verweigerung des Kriegsdienstes aus Gewissensgründen nicht mit
ein. Das heißt, daß das in Art. 4 Abs. 3 GG festgehaltene Grundrecht,
daß niemand gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen
werden darf, nur für deutsche Staatsbürger gilt. Trotzdem wurden
bis jetzt ungefähr 16 Männer als Asylberechtigte anerkannt oder
erhielten Abschiebeaufschub. Nach uns vorliegenden Informationen sind bis
jetzt 5 bis 8 Kriegsdienstverweigerer in die Türkei abgeschoben worden.
Mit öffentlichen Verweigerungsaktionen in Deutschland beabsichtigen
wir, daß das Tabu der Kritik am Militär gebrochen wird. Wir
hoffen das Presseembargo gegen die Antimilitaristen in der Türkei
zu umgehen, weil ein wesentlicher Grund für die Angst der antimilitaristischen
Bewegungen der Türkei darin liegt, daß von der türkischen
Regierung her ein Embargo existiert, daß sie sich irgendwie nicht
in der Öffentlichkeit zeigen können.
Ich komme jetzt zu einem anderen Thema. Zur Zeit leben in Deutschland
über 2 Mio. türkische Staatsangehörige, das heißt
also mehr als die Gesamtbevölkerung von Belgien, von Luxemburg usw.
Davon sind mehr als 15.000 schon deutsch-türkische Doppelstaatler.
Die Türkei beruft jährlich aus Deutschland 6.000 Menschen, die
einen einmonatigen Zivildienst leisten und 10000 Mark zahlen. Das heißt,
jährlich fließen 60 Millionen Mark in die türkische Kriegskasse.
Und seit 1995 ist es möglich, dass die Doppelstaatler einen Zivildienst
leisten können, und das wird in der Türkei anerkannt. Also jeder
Doppelstaatler, der hier Zivildienst leistet, und jeder, der durch das
neue Staatsangehörigkeitsgesetz die deutsche Staatsbürgerschaft
annimmt und nur Deutscher bleibt, zahlt diese 10.000 Mark nicht. Das heißt,
solange er Deutscher bleibt, ist er in der Türkei nicht wehrpflichtig.
Das ist ein anderes Ziel unserer Arbeit in Deutschland: dem Militär
seine menschlichen und materiellen Ressourcen zu entziehen. Ich komme langsam
zum Ende und sage: Die Kriegsdienstverweigerer hier und in der Türkei
brauchen eure Unterstützung und Sensibilität für dieses
Thema. Damit die deutschen Behörden keinen Kriegsdienstverweigerer
und Deserteure den Kriegsherren ausliefern, und Kriegsdienstverweigerung
und Desertion brauchen Asyl, also fordern wir Asyl für Kriegsdienstverweigerer
und Deserteure.
Reimer Gilsenbach Brodowin, 19. Mai
1998
Würde und Ethik der Fahnenflucht
Ansprache zur Enthüllung des Deserteurdenkmals in Bernau,
15.5. 1998
Als ich im März 1944 desertierte, war ich achtzehn. Hitler zu töten,
erschien mir unmöglich. Als Schütze Niemand hatte ich keinen
Zutritt zum Führerhauptquartier. Aber den Fahneneid, den ich auf Hitler
hatte schwören müssen, so wie jeder deutsche Soldat es getan
hat, vom Muschkoten bis zum Feldmarschall, diesen Eid wollte ich bei der
ersten sich bietenden Gelegenheit brechen. Obwohl ich kaum ein halbes Jahr
bei der Wehrmacht war, hatte ich genug ihrer Verbrechen gesehen: Geraubtes
Vieh, verhungernde Bauern, in die Zwangsarbeit verschleppte Frauen, zerstörtes
Land, Jagd auf Partisanen, das grauenhafte Leid der Juden. Desertion ist
der Widerstand des kleinen Mannes, der Widerstand von ganz unten. Ich schuldete
die Desertion meinem Gewissen.
Wo und wann ich überlief, war nicht in meine Wahl gestellt. Mein
Stiefvater, Kommunist, desertierte in Holland. Ich kam an die Ostfront.
Mein erster Versuch, weit hinter der Front, misslang. Ein Soldat, mit dem
ich mich verabredet hatte, zu den Partisanen überzulaufen, ein Zirkusmann,
so jung wie ich, wir nannten ihn den Zauberlehrling, geriet in die Fänge
der Feldpolizei. Ein traumatisches Erlebnis, unmöglich, es zu verdrängen.
„Der Soldat kann sterben“, befahl der Führer, „der Deserteur muss
sterben.“ Der Überläufer brauchte mehr Mut als der Frontläufer,
denn seine Chancen standen schlechter. Und er schleppte eine Last mit sich:
Die Angst um seine Angehörigen; ihnen drohte Sippenhaft.
Hitlers Millitärjustiz fällte mehr als 30 000 Todesurteile
gegen Deserteure und Wehrkraftzersetzer; mindestens 20 000 davon sind vollstreckt
worden. Nicht mitgerechnet jene Namenlosen, die in den letzten Kriegsmonaten
von Kettenhunden und SS niedergemacht wurden, standrechtlich verurteilt
oder jenes Verfahren abgeknallt. Die Deserteure haben den höchsten
Blutzoll unter allen Gruppen des Widerstandes gegen die nationalsozialistische
Terrorherrschaft gezahlt. Ihrem Gedenken, den Hingerichteten, den Toten,
ist das Bernauer Deserteurdenkmal gewidmet. Dem Initiativkreis junger Leute,
denen die Stadt es zu verdanken hat, gebührt hohe Anerkennung.
Das Denkmal zeigt einen Deserteur im Augenblick seiner Erschießung,
namenlos, gefesselt, ein Opfer der Milittärjustiz. Tausenden Deserteuren
ist es so ergangen, der Symbolgehalt des Denkmals sagt die Wahrheit.
Mein Bild des Deserteurs dagegen trägt Namen. Nehmen sie das Beispiel
uns drei, drei alte Männer, drei deutsche Deserteure des Zweiten Weltkrieges.
Kurt Kretschmann aus Bad Freienwalde- schon in jungen Jahren Pazifist,
ein Deserteur aus innerster Überzeugung, aus Hass gegen den Krieg,
aus Liebe zum Frieden, zum Leben. Heinz Wurl aus Falkenberg- Kommunist,
ein Mann des Widerstandes, der ganz bewusst zur Roten Armee übergelaufen
ist. Auch ich habe wie er gefühlt und gehandelt.
Alle drei waren wir nicht Opfer, wir waren Täter. Wir widersetzten
uns den Verbrechen des Nationalsozialismus, wir haben Hitler bekämpft
und wir haben ihn überlebt. Der Haltung, die uns zur Desertion
veranlasste, sind wir in unseren späteren Leben treu geblieben, jeder
auf seine Weise, jeder unter seinem Namen und mit seinem Gesicht.
„Ich bin Deserteur“, habe ich einmal gesagt, „wer ist mehr?“ In unserem
Bruch des Fahneneids, in unserer Verweigerung, dem Kriegsverbrecher und
Völkermörder Hitler zu folgen, ruht die Würde der Nation,
nicht im Marsch der Wehrmacht bis in den Kaukasus, nicht in ihrer Flucht
zurück in die Ruinenwüsten des eigenen Vaterlands.
Fazit: Erst wenn der Deserteur des Hitlerkrieges mehr Achtung genießt
als der Soldat, haben die Deutschen die Lehre aus dem schlimmsten Unfall
ihrer Geschichte gezogen.
Zu dem Thema „Entschädigung für Deserteure“ fällt mir
nichts mehr ein. Kriegsversehrte und Kriegswitwen erhalten passable Renten,
zu schweigen von Generälen und anderen Stabsoffizieren. Für Deserteure,
die im Naziknast und in Strafeinheiten Schreckliches durchgemacht haben,
bewilligte die Bundesrepublik bisher keinen Pfennig. Und was heißt
überhaupt Entschädigung? Womit könnte ein Deserteur wie
Ludwig Baumann entschädigt werden, der viele Monate in der Festung
Torgau in Einzelhaft gesessen hat und täglich damit rechnete, vom
Erschießungskommando aus seiner Zelle geholt zu werden? Lassen sich
Haftqual und Todesangst entschädigen? Für Ludwig und seine Leidensgefährten-
einige wenige alte Männer, keiner reich- hat Entschädigung allenfalls
einen symbolischen Wert. Sie sollte gezahlt werden, so rasch wie möglich,
bevor der Tod die letzten vom
Militärgericht verurteilten Deserteure geholt hat.
Was kann ich alter Kerl jungen Wehrpflichtigen von heute raten? Vor
allem eins: Haltet euch strikt an die beiden primären Wehrartikel
des Grundgesetzes!
Artikel 87a ( Aufstellung und Befugnisse der Streitkräfte)
(1) Der Bund stellt Streitkräfte zur Verteidigung auf.
Wohlgemerkt: Nur zur Verteidigung! Wann und wo die Streitkräfte
eingesetzt werden, ist ebenso eindeutig festgelegt:
Artikel 115a ( Verteidigungsfall, Begriff und Feststellung)
(1) Die Feststellung, dass das Bundesgebiet mit Waffengewalt angegriffen
wird oder ein solcher Angriff unmittelbar droht ( Verteidigungsfall), trifft
der Bundestag mit Zustimmung des Bundesrates.
Solltet ihr jemals auch nur die geringste Befürchtung hegen, euer
Einsatz stehe mit einem dieser beiden Artikel in Widerspruch, dann desertiert
oder verweigert jeden Befehl.
Eine Verfassung, die nur die Wehrpflicht kennt, nicht aber die Pflicht
zur Desertion, ist unzeitgemäß und unmoralisch. Artikel 12a,
der die Wehrpflicht regelt, sollte ergänzt werden:
Artikel 12a I: Jeder Deutsche, der gezwungen wird, an einem völkerrechtswidrigen
oder verbrecherischen Krieg teilzunehmen, hat die Pflicht zu desertieren.
Ob er einen Krieg für völkerrechtswidrig oder verbrecherisch
hält, entscheidet er nach eigenem Gewissen.
Erteilt euren Bundestagsabgeordneten den Auftrag, diese Ergänzung
des Grundgesetzes zu beantragen! Fragt sie, bevor ihr ihnen eure Stimme
gebt, ob sie im Fall ihrer Wahl dazu bereit wären. Denn ob im Krieg
oder im Frieden – Soldaten sind für ihre Taten verantwortlich wie
jeder andere Bürger auch. Seit den Nürnberger Prozessen und den
Prozessen gegen die Mauerschützen sind sie es! Sollte es noch juristische
Zweifel geben, moralische halte ich für ausgeschlossen.
Vor dem Internationalen Gerichtshof laufen Verfahren gegen die Kriegsverbrecher
des jugoslawischen Bürgerkrieges. Bei künftigen Einsätzen
kann sich ein Soldat mehr auf einen nationalen Befehlsnotstand hinausreden.
Völkerrecht bricht nationales Recht.
Die Urteile, die deutsche Militärgerichte gegen Deserteure des
Zweiten Weltkrieges gefällt haben, sind noch immer gültig. Der
Bundestag weigert sich, sie bedingungslos ohne Ausnahme aufzuheben; er
zögert, den Deserteuren ihre Würde zu geben. Wir drei zählen
nicht zu den Opfern der Militärjustiz. Aber wir denken mit unsagbarem
Schmerz an die vielen, die ihr Leben verloren haben, weil sie nicht für
Hitler kämpfen wollten. Dass sie nach wie vor als Verbrecher gelten,
empfinden wir als Schande der deutschen Nation, des deutschen Staates.
Ich bin Deserteur – wer ist mehr? Nicht ich, der Deserteur, bin krepiert,
wie es nach dem Willen des Führers hätte geschehen sollen- Hitler
ist mein Opfer. Zwar habe ich ihn nicht in die Luft sprengen können,
in den Selbstmord getrieben habe ich den Führer und Oberbefehlshaber
der Wehrmacht wohl doch! Nicht ich allein, weiß Gott nicht. Ich fühle
mich als Teil der Alliierten, der Anti-Hitler-Koalition, des Widerstandes,
der Partisanen, der Resistance, kurz all jener, die Europa vor Barbarei
gerettet haben- Europa und Deutschland! Die Wehrmacht hat den Krieg verloren,
die Deserteure haben ihn- wenn auch auf ganz andere Weise- gewonnen. Aus
dieser Sicht könnte deutsche Geschichte begreifbar werden.
Trotzdem bin ich nicht so naiv anzunehmen, mir und meinem Mitdeserteuren
werde dereinst die Liebe des Vaterlands zuteil. Hätte ich die Inschrift
für das Grabdenkmal eines unbekannten Deserteurs zu verfassen, sie
lautete:
Er floh jene,
die er hasste;
er kam nie an bei jenen,
die er liebte.